Grosse Wäsche

Illustrationen zum Gedicht "La lessive" von Jaques Prèvert (1900-1977)

Grosse Wäsche | 2007 | zeichnerisch, malerisch

Grosse Wäsche | 2007 | zeichnerisch, malerisch

Grosse Wäsche | Bild 1

Grosse Wäsche | Bild 1

Grosse Wäsche | Bild 2

Grosse Wäsche | Bild 2

Grosse Wäsche | Bild 3

Grosse Wäsche | Bild 3

Grosse Wäsche | Bild 4

Grosse Wäsche | Bild 4

Grosse Wäsche | Bild 5

Grosse Wäsche | Bild 5

Grosse Wäsche | Bild 6

Grosse Wäsche | Bild 6

Grosse Wäsche | Bild 7

Grosse Wäsche | Bild 7

2007 | zeichnerisch, malerisch


Grosse Wäsche

O furchtbarer und bestürzender Geruch von sterbendem Fleisch
Sommer ists und trotzdem fallen im Garten die Blätter von den Bäumen
und modern als sei es Herbst...
der Geruch kommt aus dem Gartenhaus wo Herr Edmond wohnt
Familienchef
Bürochef
es ist Waschtag
und es riecht nach Familie
und der Familienchef
der Bürochef
in seinem Gartenhaus einer mittleren Kreisstadt schreitet an der Familienwanne auf und ab
und wiederholt sein Lieblingswort
Man muss seine schmutzige Wäsche zuhause waschen
und die ganze Familie schluckt vor Schrecken
vor Scham
zittert und bürstet und reibt und bürstet
die Katze würde gern verschwinden
es drückt ihr das Herz ab
das Herz der kleinen Hauskatze
aber die Tür ist verriegelt
da speit die arme kleine Katze
jenes armselige kleine Stückchen Herz aus
das sie am Abend zuvor gefressen hat
alte Brieftaschen schwimmen im Wasser der Waschwanne
Skapuliere... Suspensorien... Versicherungspolicen... Rechnungsbücher...
Liebesbriefe die von Geld handeln
anonyme Briefe die von Liebe handeln
eine Rosette der Ehrenlegion
alte Pfropfen Ohrenwatte
Haarschleifen
eine Soutane
ein Schlüpfer
ein Brautkleid
ein Weinblatt
die Bluse einer Krankenschwester
das Korstett eines Husarenleutnants
Windeln
Plötzlich heftiges Schluchzen
und die kleine Katze hält sich mit den Pfoten die Ohren zu um es nicht zu hören
denn sie liebt die Tochter
die da schluchzt
auf sie ist man erzürnt
auf die Tochter des Hauses
sie ist nackt... sie schreit... sie weint
und mit einem hundsgemeinen Bürstenhieb auf den Kopf
ruft der Vater sie zur Vernunft
sie hat einen Makel die Tochter des Hauses
und die ganze Familie taucht sie ins Wasser
immer wieder immer wieder
sie blutet
sie brüllt
aber sie will den Namen nicht sagen...
und der Vater brüllt auch
Das alles darf nie herauskommen
das alles muss unter uns bleiben sagt die Mutter
und die Söhne die Vettern die Stechmücken schreien auch
und der Papagei auf seiner Stange plappert es nach
Das alles darf nie herauskommen
Familienehre
Ehre des Vaters
Ehre des Sohnes
Ehre des Papageis Hl. Geist
Sie ist schwanger die Tochter des Hauses
Das Neugeborene
darf hier nicht hinaus
man weiss den Namen des Vaters nicht
im Namen des Vaters und des Sohnes
im Namen des vorerwähnten Papageis Hl. Geist
Das alles darf nie herauskommen
mit einem übernatürlichen Leuchten im Gesicht
flicht
die alte Grossmutter
die auf dem Rand einer Wanne hockt
einen Kranz
aus künstlichen Immortellen für das natürliche Kind...
und die Tochter wird getreten
die Familie mit blossen Füssen
tritt und tritt und tritt
es ist die Weinernte der Familie
die Weinernte der Ehre
die Tochter des Hauses
verreckt drunten
aus dem Wasser steigen Seifenbläschen
weisse Bläschen
fahle Bläschen
bleich wie ein Marienkind...
und auf ein Stück Seife rettet sich eine Filzlaus mit ihren Kleinen
die Uhr schlägt halb zwei
und das Familienoberhaupt
setzt den Hut aufs Haupt
und geht
überquert den Marktplatz der mittleren Kreisstadt
und erwidert den Gruss eines Untergebenen
der untergeben grüsst...
die Füsse des Familienchefs sind rot
aber die Schuhe sind blank geputzt
welch ein Segen
man soll lieber Neid als Mitleid erregen...